Die Geschichte des Rhönradturnens


Die Entstehung

In der Zeit als das Ruhrgebiet widerrechtlich besetzt wurde und die Besatzungsmächte
zahlreiche Beamte und Bürger inhaftierten, da sie sich gegen die separatistischen
Bestrebungen in der Pfalz wandten, kam auch Otto Feick, ein im westpfälzischen
Reichenbach geborener Schlosser und Eisenbahngewerkschaftler, in Haft. Ein
französisches Militärgericht verurteilte ihn wegen Spionage zu eineinhalb Jahren
Gefängnis. In seiner Zelle erinnerte er sich an ein Kindheitserlebnis, als er aus der
großväterlichen Schmiede zwei starke Fassreifen durch Querstäbe verbinden ließ, um mit
diesem Doppelrad kopfunter einen Abhang hinunter zu rollen und unten durchrüttelt und
zerschunden anzukommen. In der Einsamkeit seiner Haft im Jahre 1921 entwickelte Feick
den Plan, aus diesem Kinderspielzeug ein wertvolles Turn- und Sportgerät herzustellen.
Aus dem Gefängnis entlassen, aber von den Besatzern des Landes verwiesen, ging er in
den Heimatort seiner Frau, Schönau an der Brend. Hier eröffnete er eine Werkstatt für
Metallverarbeitung. Neben den laufenden Tagesarbeiten entstand 1924/25 nach vielerlei
Versuchen das Turnrad. Seiner neuen Heimat zuliebe benannte Otto Feick seine
Erfindung, das "Gerät für Belustigungszwecke", nicht Feick-Rad sondern "Rhönrad".
Im Jahre 1925 meldete er es zum Patent an, welches am 8. November 1925 ausgestellt wurde
und die Nummer 442 057 trägt, und ließ es in der darauf folgenden Zeit in 30 Staaten
patentieren. Vorerst profitierte jedoch nur die Schönauer Dorfjugend von der Vorstellung
dieses Turngerätes in der Öffentlichkeit.
Um alle Möglichkeiten auszuschöpfen, konstruierte Feick mit seinem Mitarbeiter Gustav
Janz neben dem heute verwendeten Universalrad, das aus zwei Stahlrohrstreifen besteht,
die in einem Abstand von etwa 50cm mittels sechs Querstreben zusammengehalten sind,
drei weitere Arten von Rhönrädern:
Ein Exzelsior-Rad, es war leichter und die Reifen hatten nur zwei Drittel Abstand
voneinander wie bei einem Universalrad (U-Rad). Es kam dadurch schneller in eine
Kipplage und wurde zu besonderen Übungen wie Spiralen, Schlangenpflug und Achtern
benutzt.
Das Globus-Rad (G-Rad) bestand aus zwei kreuzweise fest ineinander gefügten U-Rädern.
Im Globus-Rad konnten gleichzeitig fünf Personen sich wie eine Kugel in alle Richtungen
fortbewegen.
Das Dreia-Rad war eine Kombination eines U-Rades mit einem einzelnen Querreifen
ähnlich dem G-Rad und konnte gleichzeitig von drei Personen benutzt werden. Der
Querstreifen war abnehmbar, so dass es auch als U-Rad verwendet werden konnte.
All diese Abarten hatten sich jedoch nicht bewährt, so dass heute nur noch das
Universal-Rad benutzt wird.

Aufstieg und Fall des neuen Sportgerätes

Die schwierigste Aufgabe war für Otto Feick seine Erfindung in eine voller Sportgeräte
und -arten strotzenden Welt, die jeder Neuheit ablehnend gegenüberstand, einzuführen.
Den ersten Weg nahm das Rhönrad von Schönau zunächst nach Würzburg. Hier stellte
er mit Sportlern der Eisenbahner Turn- und Sportverbände eine Mustertruppe zusammen
(vor allem mit Turnern und Turnerinnen der Turngemeinde Würzburg) und man begann
durch Vorführungen das Interesse der Öffentlichkeit zu wecken. 1927 wurde Otto Feick
nach England eingeladen, um das Rhönrad auf den größten Bühnen Londons und vor
englischen Fliegern vorzuführen. 1928 stellte Feick das Rhönrad in Frankreich vor und
bereiste anschließend mit seiner Gruppe fast alle Länder Europas. Die erste Reise nach
Amerika trat er 1929 an, wo das Rhönrad fast zur Sensation wurde.
Das erste internationale Rhönradturnier fand 1930 in Bad Kissingen statt, das die
Grundlage für die internationalen Wettbewerbe im Rhönradturnen legen sollte. Gewinner
dieses Turniers war der gebürtige Bad Neustädter Josef Brand bei den Herren und Fini
Weimer aus Würzburg bei den Frauen. In diesem Jahr fanden in Würzburg die
1. Deutschen Rhönradspiele statt, bei denen alleine 50 Turner aus Würzburg kamen.
Zum 10jährigen Bestehen wurde im Berliner "Wintergarten" eine einzigartige Vorführung
gezeigt. Höhepunkt dieser Entwicklung war die Teilnahme von 120 Rhönradturnern und -
turnerinnen 1936 im Rahmen der Olympischen Spiele. War bis zum jetzigen Zeitpunkt das
Rhönradturnen vorwiegend eine innerdeutsche Angelegenheit, begann sich von nun an
auch das Ausland für das Rhönrad immer mehr zu interessieren. Durch die Einwirkung
des 2. Weltkrieges wurde das Rhönradturnen wie allgemein der gesamte Sportbetrieb
eingeschränkt, bis es in den letzten Kriegsjahren vollständig zum Erliegen kam.

Der Wiederaufbau ohne den Erfinder

Als nach dem Zusammenbruch wieder neues Leben entstand, fanden sich auch die
ehemaligen Rhönradfreunde wieder. Man richtete die zerschlagenen Räder wieder her,
um den lieb gewonnenen Sport erneut auszuüben. Die ehemaligen Zentren wie Berlin und
Bayern kamen als erstes wieder hoch. Ihr Verdienst war es, dass das Rhönradturnen vom
jeweiligen Turnverband als gleichwertiger Turnzweig aufgenommen wurde. Es dauerte
jedoch bis 1959 als nach vielseitigem Wunsch der Deutsche Turner-Bund das
Rhönradturnen offiziell aufnahm. Von hier an wurden Regionale und Deutsche
Meisterschaften ausgetragen. Die 1. Deutschen Meisterschaften fanden 1960 in Hannover
statt. Otto Feick erlebte die volle Anerkennung seiner Erfindung nicht, er starb am
17. Oktober 1959, und fand in Schönau seine letzte Ruhe. Anlässlich des 50jährigen
Rhönradjubiläums 1975 wurde in Schönau ein wirklich sehenswertes Rhönraddenkmal
errichtet.

Das Rhönrad betritt wieder die internationale Bühne

Ein noch größerer Aufschwung des Rhönrades begann Anfang der 80er Jahre. Durch die
Gymnastrada 1982 in Zürich (Schweiz) sowie 1987 in Herning (Dänemark) wurde die Basis
für eine internationale Rhönradarbeit gelegt. Die Rhönradschauturngruppe des DTB
erregte mit ihren sehr modernen Choreographien sehr viel Aufsehen und Interesse an
dieser alten / neuen Sportart, so dass Kontakte nach Israel, Japan und sehr vielen
europäischen Ländern 1990 zur Austragung des 1. Europacup im Rhönradturnen in
Taunusstein, das sich in den achtziger Jahren zu einer Hochburg des Rhönradturnens
entwickelt hatte, führte. 1992 wurde bereits die erste Europameisterschaft in der Schweiz
ausgerichtet. Nach der Gründung des Internationalen Rhönradverbandes (IRV) 1994 in der
Schweiz, wurde 1995 in Den Helder (Niederlande) die 1. Weltmeisterschaft ausgetragen.
Neben Japan, USA, Israel, England, Frankreich, Norwegen, Schweden, Niederlande und
der Schweiz sind die deutschen Turner und Turnerinnen noch Vorreiter dieser Sportart.
Auch die neueste Entwicklungstendenz im Rhönradturnen geht auf die Initiative des IRV
zurück. Für die Weltmeisterschaften 1997 in Antwerpen (Belgien) waren erstmalig
Kürübungen im Geradeturnen mit Musik vorgeschrieben. Nachdem dieser Teil des
Wettkampfprogramms in den vorangegangenen Jahren im Rahmen des Naspa-Cups
schon praktiziert wurde, entschloss sich das TK Rhönradturnen im DTB dazu, diese
Entwicklung ins nationale Wettkampfprogramm aufzunehmen. Seit 1998 turnen die
Aktiven ihre Kürübungen im Geradeturnen mit Musik und die Wertung berücksichtigt
neben den gezeigten Schwierigkeiten und der Ausführung nun auch den künstlerischen
Ausdruck sowie die Musikalität der Darbietung. Außerdem ist auf internationaler Ebene
nach erfolgreicher Probe bei der 3. Weltmeisterschaft in Limburg an der Lahn auch die
Disziplin Sprung für die Turnerinnen vorgeschrieben und seitdem im Programm. Damit
wurde eine weitere Etappe der Entwicklung des Rhönradturnens abgeschlossen, und es
bleibt zu hoffen, dass sich die Sportart auch in der Publikumsgunst weiter hocharbeiten
wird...



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